Vom Vatermord zum Waldweg – Der Sinn des Lebens für Atheisten*innen

Wer keine unsterbliche Seele anerkennt, steht vor einer radikalen existenziellen Aufgabe. Für Atheisten*innen gibt es kein vorgefertigtes Drehbuch im Himmel und keinen göttlichen Erlösungsplan, der sie am Ende der Zeit auffängt. Wenn der Mensch keine metaphysische Seele besitzt, bleibt ihm nur eine einzige Realität: Er muss sich als geschichtliches Wesen verstehen.

Das bedeutet: Sinn wird nicht im Jenseits gefunden, sondern muss im Hier und Jetzt, eingebettet in den Fluss der menschlichen Geschichte, aktiv aufgebaut werden. Auf diesem Weg der Reifung lauern jedoch psychologische Ur-Ängste. Wer Gott begräbt, muss aufpassen, dass er nicht in der kosmischen Kälte erfriert. Der Atheist muss eine existenzielle Heldenreise antreten – die Transformation vom Ödipus zu Hänsel und Gretel.

Der Ödipus-Komplex des Atheismus: Die Tötung des Vaters

Am Anfang des atheistischen Erwachens steht oft ein unbewusster, fast mythologischer Akt: der ödipale Vatermord.

In der Psychoanalyse tötet Ödipus den Vater, um die Mutter ganz für sich zu haben. Übertragen auf die Geistesgeschichte bedeutet dies: Der Atheist tötet im Geiste den Ur-Vater – die Religion, Gott, das Gesetz und die transzendente Ordnung. Er zertrümmert das patriarchale Korsett der Kirche, um endlich frei zu sein.

Doch warum tut er das unbewusst? Um im Bett der „Mutter“ bleiben zu dürfen. Diese Mutter ist die Regression, die Sehnsucht nach dem Zustand reiner, bedürfnisloser Geborgenheit, in dem man keine Verantwortung für die eigene Existenz übernehmen muss. Es ist der Wunsch, im geschützten, infantilen Raum der Natur oder des puren Nihilismus zu verweilen, wo es keine Pflichten, keine Sünde und kein höheres Urteil gibt. Man sonnt sich in der Illusion, die Befreiung vom Vater sei bereits der Endpunkt der Reise.

Der Auswurf in die böse Welt

Diese ödipale Illusion währt jedoch nicht ewig. Früher oder später wird der Mensch aus der Komfortzone der Natur und der jugendlichen Rebellion in die böse Welt hinausgeworfen.

Plötzlich realisiert der Atheist die fundamentale Härte seiner Philosophie: Wenn es keinen Gott gibt, gibt es auch keine kosmische Gerechtigkeit. Es gibt keinen Schöpfer, der das Leid erklärt, und keinen Retter, der am Ende die Tränen abwischt. Die Realität ist kalt, mechanisch und indifferent.

Wer an diesem Punkt als Ödipus stehen bleibt, verharrt im Trotz oder in der Verzweiflung. Wer die Verantwortung verweigert, sich den Realitäten der Geschichte zu stellen, rutscht ab in die Passivität. Und hier wartet die grösste Gefahr: die Metamorphose der schützenden Mutter zur Todesmutter. Die Todesmutter ist der lähmende Nihilismus, die Depression, das Gefühl der absoluten Sinnlosigkeit, das den Geist des Menschen langsam auffrisst, weil er den Tod als endgültiges Nichts nicht verkraftet.

Die Rettung: Wie der Atheist zu Hänsel und Gretel werden muss

Um nicht von der Todesmutter verschlungen zu werden, muss der Atheist eine fundamentale psychologische Reifung durchmachen. Er muss den ödipalen Trotz ablegen und das Narrativ von Hänsel und Gretel verinnerlichen.

Was tun Hänsel und Gretel, als sie von den Eltern im tiefen, finsteren Wald (der gottlosen, gleichgültigen Welt) ausgesetzt werden?

  • Sie verfallen nicht in Schockstarre: Sie jammern nicht über den Verlust des Elternhauses.
  • Sie nutzen ihren Verstand: Sie fangen an, Kieselsteine und Brotbrösel zu streuen. Sie hinterlassen Spuren.
  • Sie nehmen ihr Schicksal an: Sie organisieren sich, halten zusammen und bezwingen schlussendlich die Hexe (die Todesmutter), indem sie sie in den Ofen stossen.

Für den modernen Atheisten bedeutet das: Da es keinen vorgegebenen Weg gibt, muss er – wie Hänsel und Gretel im Wald – seine eigenen Kieselsteine auslegen. Diese Steine sind Kultur, Werte, Familie, Kunst, Wissenschaft und historisches Bewusstsein.

Vom Vatermord zum Waldweg - Der Sinn des Lebens für Atheisten*innen

Der Sinn des Lebens für Atheisten*innen liegt nicht im passiven Konsumieren der Existenz, sondern im Streuen von Spuren in der Zeit. Als geschichtliches Wesen erkennt er an: Ich bin das Produkt derer, die vor mir kamen, und ich trage die Verantwortung für die, die nach mir gehen.

Er findet Würde und Sinn darin, den Wald der Existenz urbar zu machen, Werte zu stiften und Ordnung in das Chaos zu bringen. Wer den Weg aus dem ödipalen Trotz hinein in die schöpferische Verantwortung von Hänsel und Gretel schafft, dem kann die Todesmutter der Sinnlosigkeit nichts mehr anhaben. Er ruht in seiner historischen Pflicht.

Vom Vatermord zum Waldweg: Der Sinn des Lebens für Atheisten*innen