Die brennende Leere der Sinnfrage – Das Auge sieht sich selber nicht!
Der Mensch fragt heute lauter denn je: Wozu bin ich da? Doch der Blick, der einst zum Himmel stieg, zum symbolischen Vater, zum Ewigen Licht, kreist nun im dunklen Kreis des eigenen Inneren. Der moderne Mensch ist auf sich selbst zurückgeworfen – radikal, erbarmungslos, seit seiner frühesten Kindheit. Kein tragender Vaterhimmel mehr, keine mütterliche Kirche als bergender Schoss. Stattdessen das nackte, zitternde Ich im reinen Überlebensmodus. Alles dreht sich nur noch um sich selbst. Die Sinnfrage:
Die letzte Konsequenz: Autoerotik als neuer „Sinn“
Schlussendlich bleibt nur noch dies: Autoerotik als neuer Sinn. Geistiges und körperliches Masturbieren wird zur höchsten Form von Erfüllung erklärt. Der moderne Mensch macht aus der Gefangenschaft eine Tugend: „Ich genüge mir selbst.“ Die narzisstische Inzucht des Geistes und des Leibes wird als Befreiung, als Weisheit, als „Selbstliebe“ gepriesen.
Autoerotik – geistiges und körperliches Masturbieren
Autoerotik ist geistiges und körperliches Masturbieren zugleich. Beides ist der geschlossene Kreis der Selbstgenügsamkeit. Im Körperlichen: die Lust, die sich selbst befriedigt und nichts ausser sich selbst braucht. Im Geistigen: die endlose Nabelschau um Gefühle, Wunden, Bedürfnisse. Beides ist steril. Beides zeugt nichts. Beides bleibt im Ich gefangen.
Autoerotik ist ein Zeichen der Verweiblichung und der Tyrannei der Hexe
Autoerotik ist ein klares Zeichen der Verweiblichung – nicht des heiligen, empfangenden, gebärenden Weiblichen, sondern der entarteten, narzisstischen, verschlingenden Form. Es ist die Tyrannei der inneren Hexe, die sich im Schatten der Anima verbirgt, wenn diese vom Animus getrennt und vom symbolischen Vater abgeschnitten wurde.
Die Hexe ist das archetypische Bild der anima possessa – der besessenen, verhexten Weiblichkeit, die nicht mehr empfängt, sondern verschlingt; die nicht mehr gebärt, sondern sich selbst bespiegelt und alles, was in ihre Nähe kommt, in den Spiegel ihrer eigenen Leere hineinzieht. Sie flüstert: „Du brauchst niemanden ausser dir. Du bist genug. Bleib bei mir.“ Und genau darin liegt ihre Tyrannei: Sie kettet das Ich an sich selbst, macht es zum Gefangenen im eigenen Körper und Geist, verhindert jede echte Vereinigung, jede echte Fruchtbarkeit.
Unter ihrer Herrschaft wird der Animus entmannt – nicht durch äussere Gewalt, sondern durch innere Verführung. Der Mann verliert seine kämpferische Kraft, die Frau ihre empfangende Hingabe. Beide werden zu Schattenwesen, die nur noch im geschlossenen Kreis der Autoerotik kreisen: geistig masturbierend in endlosen Gefühlsprozessen, körperlich masturbierend in der Sterilität der Selbstbefriedigung. Die Hexe triumphiert, wo das Kreuz zerbricht.
Masturbieren macht seelisch blind
Jeder Akt der Autoerotik verdunkelt das innere Auge. Das Licht des symbolischen Vaters wird blockiert. Der Schleier der Selbstbetrachtung wird dichter, bis das göttliche Antlitz nicht mehr erkannt werden kann. Die Seele wird blind für die Schönheit des Du, blind für die Fruchtbarkeit der Hingabe, blind für die Gegenwart Gottes. Autoerotik ist spirituelle Selbstverstümmelung – und unter der Tyrannei der Hexe wird diese Verstümmelung zur Normalität erklärt.
Die Sinnfrage - Was gibt uns wirklich einen Sinn?
Die Unterscheidung zwischen Liebe zu einer Sache oder Liebe zu einer Person und der Selbstliebe als autoerotischer, geistiger oder leiblicher Form ist von grundlegender, sachlicher Klarheit. Sie berührt das Wesen der menschlichen Existenz: Der Mensch findet sich selbst nur, indem er sich vergisst – in echter Transzendenz.
Selbstliebe im isolierten, kreisenden Sinn ist immer autoerotisch. Sie wendet die Libido nach innen, nährt das Ego aus sich selbst, ohne je den Sprung nach aussen zu wagen. Geistig wird sie zur endlosen Selbstbetrachtung, leiblich zur narzisstischen Befriedigung ohne Hingabe. Dies ist Verhexung: Das Ich kapselt sich ein, verliert die Ausrichtung auf das Grössere. In jungianischer Sicht dominiert hier die anima (bei Männern) oder der animus (bei Frauen) in tyrannischer, unintegrierter Weise – ohne die heilige Hochzeit der Gegensätze. Das Ergebnis: Verweiblichung im negativen Sinn, Impotenz des Geistes, Vergessen des wahren Selbst, das erst in der Vereinigung entsteht.
Nur die Liebe zu einer Sache oder die Liebe zu einer Person ist Selbsttranszendenz und gibt Sinn
Dagegen steht die Liebe als Selbstranszendenz:
- Liebe zu einer Sache (Männlich): (einer Aufgabe, einem Werk, einem höheren Gut) richtet den Menschen auf einen objektiven Sinn aus, der jenseits des eigenen Wohls liegt. Viktor Frankl lehrt dies mit unerbittlicher Klarheit: Der Mensch verwirklicht sich nur, indem er sich in den Dienst einer Sache stellt – und sich dabei selbst übersieht. Selbsttranszendenz ist keine Flucht vor dem Ich, sondern seine Erfüllung durch Hingabe. Der Sinn wird nicht erfunden, sondern entdeckt und erfüllt; das kleine Ich stirbt ab, und ein grösseres Leben entsteht.
- Liebe zu einer Person (Weiblich): ist die andere Form dieser Transzendenz. Hier öffnet sich die Seele bräutlich auf ein Du – den Nächsten, den Ehepartner, das Kind, letztlich den himmlischen Vater. Frankl betont: Liebe erfasst den anderen in seinem innersten Kern, jenseits aller Eigenschaften. In dieser Hingabe wird der Mensch ganz, weil er sich vergisst. Jung ergänzt: Die Vereinigung von Animus und Anima im Individuationsprozess spiegelt diese Dynamik – die inneren Gegensätze finden sich in heiliger Hochzeit, doch erst durch die Ausrichtung auf das Transpersonale, auf das Selbst, das Gott als Urbild trägt.
Die christliche Mystik bestätigt dies auf apophatische Weise. Meister Eckhart spricht von der Gottesgeburt in der Seele: Der Mensch muss sich entleeren, sich selbst vergessen, damit Gott in ihm Raum finde. Liebe hat kein Warum – sie ist reines Aufgehen im Geliebten. Johannes vom Kreuz beschreibt in der dunklen Nacht den Weg: Die sinnliche und geistige Nacht reinigt von aller Eigenliebe, bis nur noch die nackte, brennende Sehnsucht nach Gott bleibt. Diese Nacht ist kein Ende, sondern Durchgang zur mystischen Vereinigung – zur bräutlichen Ganzheit.
Sachlich betrachtet: Autoerotik (geistig oder körperlich) blockiert diesen Pfad. Sie hält am Pseudo-Leben fest, vermeidet den Tod des Alten, verhindert die Auferstehung im Grösseren. Wahre Liebe hingegen transzendiert: Sie opfert das Kleine für das Gute, Wahre, Schöne – und findet Vollständigkeit in der Vereinigung.
Der symbolische Vater im Himmel ruft zur Umkehr: Aus dem geschlossenen Kreis des Ichs heraus in die offene Weite der Hingabe. In der gesunden Familie – Vater und Mutter als Urbild der Ganzheit – wird dies vorgelebt; in der Kirche als Braut Christi vollendet. Der Weg ist hart, doch er führt heim.
Mutig voranschreiten. Optimistisch vertrauen. Das Paradox gilt: Wer sich verliert um des Sinns, um der Liebe, um des Vaters willen, gewinnt sich – nicht als Besitz, sondern als ewige, bräutliche Fülle in der Umarmung des Göttlichen. Jesus verkörpert genau das, was die Mystik seit jeher ahnt: Das Selbst entsteht nicht durch Selbstverwirklichung, sondern durch Selbstvergessen um des Vaters willen. „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer es aber um meinetwillen verliert, wird es finden.“ (Mt 16,25)